Donnerstag, 9. September 2010

Das Beste für die Jugend? – Zweiter Kommentar zur Ligareform


Von Carsten Pilger

Der erste Kommentar in diesem Blog hat sich erstaunlich schnell und weit verbreitet. Er sorgte für Zustimmung, Ablehnung und vor allem für Diskussionen. Ein Argument, was immer wieder unabhängig voneinander, gegen meine Forderung nach einer eigenen Reserverunde der Profivereine genannt wurde, betrifft die Ausbildung junger Talente. Als These formuliert:

In der Konkurrenz mit erfahrenen Fußball-Profis aus Amateurvereinen in einer Liga mit Auf- und Abstieg, werden junge Spieler besser an den Profialltag der Bundesligen herangeführt, als es in einer ausschließlichen Runde der Zweiten Mannschaften der Fall wäre.

Da mir dieses Gegenargument sehr ins Auge gefallen ist, will ich dieser These einen eigenen Text widmen. Was davon stimmt? Gibt es Alternativen?

Regionalliga als Testgelände der Jugend

Zunächst erscheint es schlüssig, dass die Profivereine wollen, dass ihre Jungtalente nicht nur in den Vergleich mit anderen Reserveteams ziehen, sondern auch unter Wettkampfbedingungen spielen. Heribert Bruchhagen verknüpfte diesen Anspruch der Profiteams gleich mit den finanziellen Voraussetzungen, sprich: Wenn ich schon mehrere Millionen pro Jahr alleine für ein Jugendleistungszentrum ausgebe, dann darf ich doch auch meine U23 in der 3. Liga oder Regionalliga sehen. Dass dieses Argument weniger auf Fakten, denn auf einem gefühlen Anspruch beruht, ergibt sich von selbst.

Warum ist die Regionalliga für Profivereine ein attraktives Testgelände? Genannt werden immer die Bedingungen, die sich erheblich von einer geschlossenen Reserverunde unterscheiden: Es gibt Auf- und Abstieg, die Amateurvereine verfügen meist über erfahrenere Kicker, volle Stadien und stehen mitten im Wettkampf. Diese Bedingungen sind zwar sportlich weit vom Level der Bundesliga entfernt, kommen aber der Sache näher als eine Liga mit 18 Reservemannschaften.

Eine verkappte Reserverunde droht

Die Widersprüche entstehen allerdings in der Realität: Von den 54 Plätzen der drei Regionalligen gehören bereits 25 den Bundesliga-Vereinen. Also reduziert sich die Anzahl der Spiele unter diesen oben genannten Bedingungen schon fast um die Hälfte, die restlichen Begegnungen machen die Zweiten Mannschaften unter sich aus. An dieser Stelle möchte ich nun ein Gedankenexperiment einbringen:

In den Profiligen Spielen 36 Vereine, in der 3. Liga 16 Mannschaften (abzüglich vier Reserveteams von Bundesligisten). Lässt man die geographische Aufteilung der Regionalligen in Nord, West und Süd außer Acht und geht davon aus, dass es möglich ist, dass innerhalb der nächsten vier bis fünf Jahre in jeder Saison keine Zweite Mannschaft ab- oder aufsteigt, so könnten irgendwann bis zu 48 Mannschaften in der Regionalliga aus Bundesligareserven bestehen. Faktisch hätte man dann eine Reserve-Liga eingeführt - zu Lasten der Amateurvereine und der Jugendförderung.

Diese Gedankenspielerei ist natürlich überspitzt und unrealistisch in der Anzahl. 30 zweite Mannschaften in den Regionalligen sind jedoch denkbar, was schon eine erhebliche Einschränkung dieses angeblich fördernden Wettkampf-Gedankens wäre. Doch wie könnte man talentierte Jugendspieler sonst fördern?

Jugendspieler in die erste Mannschaft!

In der UEFA Champions League existiert seit einiger Zeit die Regelung der "Home-Grown-Spieler", also Akteure, die eine gewisse Anzahl von Jahren im eigenen Verein ausgebildet wurden. Eine feststehende Zahl dieser Spieler muss bei Saisonbeginn im gemeldeten Kader der Vereine vorhanden sein. Egal ist dabei die Nationalität, Owen Hargreaves war seinerzeit beim FC Bayern ebenso "home grown", wie es ein Thomas Müller oder Holger Badstuber heute sind. Eine durchaus vernünftige und plausible Regelung, die den Entwicklungen der Bosman-Ära versucht entgegenzuwirken.

Warum existiert in der Bundesliga nichts vergleichbares? Die Bundesligavereine könnten sich selbst dazu verpflichten, bei jedem Spiel mindestens drei Spieler von Beginn an einzusetzen, die mehr als vier Jahre in eigenen Jugendmannschaften spielten und unter 23 Jahre alt sind. Natürlich hat dieses Modell Schwächen: Die Vereine werden lamentieren, dass sie "gezwungen" werden, auf die Jugend zu setzen, es wird der Ruf nach Wettbewerbsverzerrung laut, die Aktivitäten auf dem Transfermarkt werden insofern gestört, dass zwei Plätze in der Startelf weniger für teure Neuzugänge zur Verfügung stehen.

Wachsende Bedeutung einer richtigen Reserverunde

Dennoch spricht vieles dafür: In Zeiten moderner Scouting-Systeme und Jugendleistungszentren würde eine solche Regelung kaum einen Qualitätsverlust für die Bundesliga darstellen. Auch würde der Sinn von zweiten Mannschaften damit keineswegs infrage gestellt: Bei der Aufsicht auf zwei Startplätze in der ersten Mannschaft, die fest an Jugendspieler vergeben sind, steigt auch für Spieler der zweiten Mannschaft der Ansporn, sich für einen Einsatz in der ersten Liga zu empfehlen.
Dies würde zudem eine eigene Reserve-Runde aufwerten: Statt einer halbgaren Lösung wie derzeit, in der junge Spieler sogar ihren Platz in der U23 verlieren können, wenn ein "von oben" ausgemusterter Profi zur Mannschaft stoßt, gäbe es nun echte Konkurrenz und Wettbewerb - nicht um Auf- oder Abstieg, sondern um die Chance auf einen Einsatz in der Bundesliga. Auch dürfte die Nationalmannschaft nicht unglücklich über eine solche Regeländerung sein.

Die Diskussionen um die Regionalliga-Reform werden nicht abreißen, die Profiklubs weiter auf ihre Meinung beharren, die Amateurvereine auf die Reform hoffen. Dass der derzeitige Kompromiss, der vor allem den Profis zugute kommt, nicht unbedingt eine echte Forderung und Förderung junger Talente darstellt, wird leider vergessen.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Dann gebe ich also auch hier noch mal den passenden Kommentar ab...

Der Selbstbetrug, den die andere Kommentar-Überschrift den Profivereinen suggeriert, begehen (leider) derzeit diejenigen, die sich auf den Standpunkt stellen, dass alles Leid der Amateure den II. Mannschaften und Egoismen der Profis zuzuschreiben ist. Das ist eindeutig nicht der Fall.
Die Nachwuchsförderung ist deutlich verbessert worden - und das kommt nachweislich auch in der Bundesliga an. Dazu tragen die U23-Teams eine Menge bei. Nachfolgende Übersicht zeigt, welche deutschen (bzw. in D ausgebildeten) Spieler bis 23 Jahre am 3. Spieltag der Bundesliga gespielt haben bzw. im Kader waren.

FC Bayern München (4+1): Badstuber (21), Contento (20), Müller (20), Kroos (20) + Kraft (22)
FC Schalke 04 (4+1): Höwedes (22), Moritz (20), Baumjohann (23), Matip (19) + Schmitz (21)
SV Werder Bremen (2+3): Bargfrede (21), Marin (21) + Mielitz (21), Wagner (22), Boenisch (23)
Bayer Leverkusen (3+1): Sam (22), Bender (21), Reinartz (21) + Schwaab (22)
Borussia Dortmund (6+0): Hummels (21), Schmelzer (22), Sahin (22), Großkreutz (22), Bender (21), Götze (18)
VfB Stuttgart (6+1): Ulreich (22), Träsch (23), Tasci (23), Didavi (20), Gebhart (21), Harnik (23) + Funk (20)
Hamburger SV (1+1): Choupo-Moting (21) + Tesche (23)
VfL Wolfsburg (0): keine
1. FSV Mainz 05 (3+0): Bungert (23), Holtby (19), Schürrle (19)
Eintracht Frankfurt (1+2): Jung (20) + Fährmann (21), Kittel (17)
TSG Hoffenheim (2+0): Beck (23), Rudy (20)
Mönchengladbach (4+2): Levels (23), Neustädter (22), Herrmann (19), Reus (21) + Jantschke (20), Bäcker (20)
1. FC Köln (4+0): Pezzoni (21), Yalcin (20), Clemens (19), Matuschyk (21)
SC Freiburg (3+0): Baumann (20), Bastians (22), Toprak (21)
Hannover 96 (4+1): Schmiedebach (21), Stoppelkamp (23), Rausch (20), Stindl (21) + Avevor (18)
1. FC Nürnberg (4+2): Gündogan (19), Schieber (21), Frantz (23), Hegeler (22) + Stephan (23), Maroh (23)
1. FC Kaiserslautern (1+1): Sippel (22) + Trapp (20)
FC St. Pauli (5+1): Oczipka (21), Kruse (22), Hennings (23), Bartels (23), Sukuta-Pasu (20) + Daube (21)

Bis auf ganz wenige Ausnahmen braucht es also nicht einmal eine Verpflichtung, die juristisch ohnehin nicht haltbar und auch widersinnig wäre. Schließlich sollen die Besten spielen, die Liga durch Zwangsverpflichtungen zu schwächen macht keinen Sinn.
Ausbildungsverpflichtungen gibt es. Qualität setzt sich - wie man an der obigen Liste sieht - auch durch. Die Ausländerquote geht zurück, der Altersschnitt sinkt. Dabei profitieren alle bis hin zur Nationalmannschaft sehr deutlich - nur der Kommentator hier sieht es scheinbar nicht.

Das heißt nicht, dass in den RL alles so bleiben soll wie es ist. Begrenzung der Zahl der II. Mannschaften, Absenkung des Alters auf U21 (ältere, die es nicht geschafft haben, kommen zu 99% auch nicht mehr direkt in die BL-Mannschaft), Verbot des Einsatzes von älteren Spielern - damit ist am Ende allen Seiten geholfen.

Carsten hat gesagt…

So mühevoll die Arbeit sicherlich war, Ihre Aufstellung ist Selbstbetrug:

Aufgelistet sind zwar deutsche Spieler von unter 24 Jahren, aber nicht ausschließlich Spieler, die, so wie ich es vorschlage, auch im selben Verein über einen mehrjährigen Zeitraum ausgebildet wurden.

So ist die Liste schön anzusehen, aber wertlos.