Samstag, 31. Dezember 2011

FCS-Weihnacht Nr. 8: Ach du liebes Lottchen!

Zu Silvester sind wir ins Archiv gegangen und haben einen Artikel aus dem Jahr 2009 herausgekramt. In "Ach du liebes Lottchen" wird die Trostlosigkeit der Regionalliga stellenweise hervorragend sichtbar. Ein Tag auf Auswärtseise.


von Jochen Klein

Wenn sowohl Zeit, als auch monetäre Möglichkeiten die Anzahl der in einer Saison besuchbaren Auswärtsspiele stark begrenzen, muss man sich auf die wirklichen Highlights beschränken - auf die Sahnehäubchen, die Crème de la Crème der attraktiven Gegner. Nicht umsonst wurden in der vergangenen Oberligasaison Bad Breisig und Waldalgesheim mit einem Besuch beehrt. Neben den vielen zweiten Mannschaften hält die Regionalliga West eine ganze Reihe bekannter Traditionsvereine bereit. Doch die einzig wirkliche Kracher-Auswärtsfahrt der Saison stand bereits am fünften Spieltag bevor: Es ging nach Lotte. An einem Mittwochabend um 19 Uhr.


Wenn schon der Wikipedia-Artikel darüber informiert, dass Lotte  überregional einzig und allein aufgrund des Autobahnkreuzes Lotte-Osnabrück sowie der Sportfreunde Lotte bekannt sei, dann ist das ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Ort einen Besuch unter keinen Umständen rechtfertigt. Also auf nach Lotte. Gegen 13:00 Uhr treffe ich auf einem Parkplatz nahe Trier auf Fahrer und Mitfahrer. Es stehen vorerst noch etwa 400 zu fahrende Kilometer auf dem Programm. Ohne Probleme bahnen wir uns den Weg über die A1, vorbei an einer von vielen, vielen Baustellen auf unserer Route. Immer wiederkehrende Baustellen werden an diesem Tag leider nicht das einzige Déjà-Vu bleiben. Aufgrund einer latenten Abneigung des Fahrers gegenüber Navigationssystemen orientieren wir uns unter zu Hilfenahme eines handgeschriebenen Zettels und allseits bekannter Streckenpunkte: 


- „Nee, soweit sind wir noch nicht,                         
   das McDonalds war noch nicht da.“ 
- „Was für ein McDonalds?“ 
- „Na das beim Erdbeermund.“ 
- „Erdbeermund?“ 
- „Ist so ein Erotikladen direkt neben 
   dem McDonalds.“ 
- „Ah!“

Viele Kilometer und einige Baustellen später wird die Landesgrenze Nordrhein-Westfalens passiert. Da Lotte oben an der Grenze zu Niedersachsen liegt, muss noch das komplette Bundesland durchquert werden. Zeit für einen ersten Raststätten-Stop. Dort treffen wir, wie könnte es anders sein, natürlich auf Saarbrücker. Das nächste, besonders für den im Auto anwesenden Schalke-Fan prägende Erlebnis, beginnt einige Kilometer vor Köln. Denn im Ruhrpott führen scheinbar alle Wege nicht nach Rom, sondern nach Dortmund. Auf wirklich jedem auftauchenden Schild findet sich ein Verweis auf Dortmund. Als wir später längst an der Heimatstadt des BVBs vorbei sind, tauchen weiterhin unentwegt Schilder, die den Weg zurück nach Dortmund weisen, auf. Déjà-Vu, Teil Zwei.


Teil Drei folgt umgehend, denn im Ruhrpott scheint man an einer gewissen Monotonie Gefallen gefunden zu haben, zumindest wenn es um den Brückenbau geht. Mindestens zehn absolut identische blaue Brücken tauchen auf, was ab und an die Frage in den Raum wirft, ob wir eventuell im Kreis fahren. Das tun wir allerdings mitnichten, denn später tauchen zwar immer noch dieselben Brücken auf, dafür ändert sich ab und an die Farbe - mal sind sie rot, mal grün, hurra.
Unversehens geraten wir in einen Stau, der immer länger zu werden droht, trotz dreispuriger Autobahn. Die negativen Auswirkungen des langen Stehens machen sich zum ersten Mal bemerkbar, als wir an einem 1er BMW vorbeifahren und sich einer der Mitfahrer aufgrund der angeblichen Attraktivität der Fahrerin zu einem Ausruf der Freude hinreißen lässt. Als der BMW dann wieder auf Augenhöhe mit uns ist, stellen wir entsetzt fest, dass es um den guten Frauen-Geschmack des Kameraden nicht allzu gut bestellt ist. Dieser revidiert nach genauerem Hinsehen seine Meinung. Nach längerem Hin und Her kommt dann doch das Navi zum Einsatz und mittels „Stauumfahrungssytem“ wird die PGW-Arena der Sportfreunde pünktlich erreicht. Doch wo sind wir überhaupt gelandet? Ringsherum nur Felder, Wiesen, Kühe und Bauernhöfe. Das hätte man auch, je nach Wohnort, im Saarland direkt vor der Tür haben können.


In der PGW-Arena, die aus drei überdachten Tribünen und einer riesigen Werbewand hinter einem der Tore besteht, herrscht eine Stunde vor Spielbeginn noch gähnende Leere. 

Wenigstens gibt es schon erste Würste vom Grill. Dass zur Wurst dann aber statt eines erwarteten Brötchens eine halbe Scheibe ungetoastetes Toastbrot gereicht wird, stimmt nachdenklich und gibt mit Sicherheit große Abzüge beim Wursttest.


Zum Spiel selbst, das vor 1100 Zuschauern über die Bühne geht, muss an dieser Stelle wohl nicht mehr viel gesagt werden. Der FCS verliert mit 0:3 unter anderem deshalb, weil hochkarätige Tormöglichkeiten nicht genutzt werden (Déjà- Vu Nummer Vier). Nervig ist vor allem die viel zu laute Musik aus den Boxen in der Halbzeitpause und das zu jedem Tor eingespielte „Tor, Tor, Tor!"-Geschrei Herbert Zimmermans aus dem 54er-Finale. Mit einem 0:3 im Gepäck treten wir gegen 21 Uhr wenig begeistert die Heimreise an. Zu allem Überfluss scheinen geheimnisvolle Kräfte in Lotte das Navigationssystem, das steif und fest behauptet, weder ein Rivenich (dort steht mein eigenes Auto), noch ein Trier oder ein Saarbrücken zu kennen, beeinflusst zu haben. Fortan wird das Navi in seiner Anzeige das Auto neben der Strecke platzieren, von einem Abbiegen nach „Süd“ bei kerzengerader Fahrbahn sprechen, oder behaupten, der Akku sei trotz eingestecktem Ladekabel leer. Um 22 Uhr wird dann der sichtlich irritierte Leuchtturmwärter F. von einem Wettanbieter angerufen, der sich erkundigt, ob die Spieler denn schon auf dem Platz seien. Spieler auf dem Platz? Um Zehn am Abend?


Während die Hälfte der Besatzung langsam einschläft, hält unser Fahrer eisern durch, geht dabei aber leider dem Navi, das ihn unverständlicherweise von der Autobahn auf die Landstraße schickt, auf den Leim. 
Auf eben jener nun befahrenen Landstraße hat Team Grün einen Blitzer versteckt und der schlägt auch gleich zu. Wenigstens sind jetzt wieder alle wach. Ein paar Umwege später stehe ich gegen 00:30 Uhr vor meinem Wagen und verabschiede mich mit den besten Wünschen vom Rest. Jetzt nur noch nach Hause kommen und direkt ins Bett fallen lassen. Doch auch hier erweist sich mein Navigationssystem als unzuver-lässig. Nachdem ich fröhlich die angegebenen 10 Kilometer (in die falsche Richtung, wie sich herausstellen wird) gefahren bin, höre ich ein „in 300 Metern bitte wenden“. Da wenden auf einer Autobahn ein Ding der Unmöglichkeit darstellt, suche ich meinen Weg doch lieber auf eigene Faust und komme gegen 1:15 Uhr endlich zu Hause an. Nach zwölf Stunden, 800 Kilometern, null Punkten und einer Wurst ohne Weck bin ich zurück. Ach du liebes Lottchen!

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